Vera Bischitzky zur Neuübersetzung der „Toten Seelen“
Which pierces so, that it assaults
Mercy itself, and frees all faults.
As you from crimes would pardon'd be,
Let your indulgence set me free.
Alle Welt ist unterwegs
Sämtlich sind sie in Bewegung, endlos zieht die Karawane an uns vorüber, all die Equipagen, Kutschen, Reisewagen, Droschken, Fuhren, Bauernwagen, Kremser, Klapperkisten, Quietschkommoden… Und für jedes Gefährt muß das richtige deutsche Wort gefunden werden - was noch eine der verhältnismäßig leicht zu lösenden Herausforderungen an die Übersetzerin darstellt.
Rätsel um fremde, verlockende Speisen
Wie aber die vielen verlockenden Speisen wiedergeben, die den Protagonisten so verschwenderisch aufgetischt werden? Es ist ja ein doppelter Transfer vonnöten: aus einem Kulturkreis in einen anderen - schon schwer genug - und noch dazu aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ins einundzwanzigste… Viele der Gerichte und der anderen Realien sind auch dem heutigen russischen oder ukrainischen Leser nicht mehr vertraut, manche finden sich nicht einmal in historischen Kochbüchern…
Einige Slawisten vertreten die Ansicht, Gogol habe diese Speisenamen vor allem zum Zwecke der Ausschmückung seiner Sprache mit originell klingenden Wörtern verwendet. Sie sollten rätselhaft und geheimnisvoll klingen. Doch Gogol aß ja auch selber gern. Nur: wie, um Himmelswillen, findet man den treffenden Ausdruck im Deutschen, wo doch heute kaum noch ein Russe weiß, was das alles ist?
Fleisch oder Suppe?
Nehmen wir allein die Pirogge-Rassolnik (пирог-рассольник) der Frau Korobotschka… Pассол (rassól) – das ist die Salzlake, in der Gurken säuern, unter рассольник (rassólnik) versteht man heute eine Fleisch- oder Fischsuppe, der eben jene Gurkenlake hinzugefügt wird. Welchen Zusammenhang aber kann es geben zwischen einer Pirogge (also einer Pastete aus Blätter- oder Hefeteig) und einer auf der Basis von Gurkenlake gekochten Suppe? Tja, eventuell könnte es eine Pirogge sein, die man zu dieser Suppe serviert …
Doch in einem seiner Notizbücher gibt uns Gogol glücklicherweise Auskunft über die Pirogge-Rassolnik: „Pirogge mit Huhn und Buchweizengrütze, in die Füllung kommen Gurkenlake und gehackte Eier hinein“. Ein Problem wäre also, wenn auch unter ungeheurem Kraft- und Zeitaufwand, gelöst – ins Deutsche transformieren aber kann man das Doppel-Wort nicht. Diese und ähnliche Begriffe, für die es im Deutschen kein Äquivalent gibt, wurden deshalb im russischen Originalwortlaut beibehalten und mit einer erläuternden Anmerkung versehen…
Phantasien über Pirogge-Rassolnik
Interessehalber habe ich im Falle der Pirogge-Rassolnik bei einigen meiner zahlreichen Vorgänger nachgeschaut (mittlerweile gibt es sechzehn Übersetzungen der „Toten Seelen“ ins Deutsche, wobei der Roman allein zwischen 1921 und 1925 fünfmal ins Deutsche übertragen wurde). Einer schreibt: „eine gesalzene“ Pirogge, bei einem anderen ist es eine Pirogge „mit einer Füllung aus eingelegten Gurken“, schließlich habe ich noch die Kreation einer Pastete mit „Salzfleischfüllung“ gefunden oder auch gar nichts – manch Übersetzer ließ dieses kulinarische Erzeugnis aus der Küche der Frau Korobotschka einfach weg.
Meine Übersetzerkollegen haben demnach ebenfalls gehörig gerätselt und dann ihrer Phantasie freien Lauf gelassen, was ja nicht unbedingt falsch ist, denn vermutlich wusste auch schon zu Gogols Zeiten kaum jemand etwas mit dieser Pirogge-Rassolnik anzufangen…
Die Erläuterungen zum Text möchten dem Leser Informationen an die Hand geben, die zum besseren Verständnis solcher und ähnlicher Realien beitragen oder auch heute nicht mehr geläufige Zusammenhänge beleuchten. Manches habe ich knapp erläutert, auf anderes bin ich ausführlicher eingegangen, insbesondere, wenn sich Parallelen zum Leben des Autors auftaten – die entsprechenden Stellen sind durch Briefzitate oder Erinnerungen von Zeitgenossen belegt.
Hat sich ein Alltagsdetail (z.B. in der Mode) mittlerweile gewandelt, wie z.B. das aus dem Deutschen stammende Lehnwort галстук (gálstuk) – Halsbinde, Halstuch, Krawatte -, wurde in der Übersetzung das Wort „Halstuch“ verwendet, um beim Leser nicht die Vorstellung einer heutigen Krawatte zu erzeugen, sondern das Bild eines um den Hals geschlungenen Tuches entstehen zu lassen, wie es Männer im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts trugen.
Übersetzung von Fremdwörtern
Im Text finden sich immer wieder ironische Kommentare des Autors, die auf ihre übermäßige Verwendung anspielen, insbesondere durch „die Leser der höheren Kreise: vor allem von ihnen bekommt man kein anständiges russisches Wort zu hören, mit französischen, deutschen und englischen Worten bedenken sie einen dagegen in einem solchen Maße, dass es einem einfach zuviel wird…“
„Wie sehr der Autor aber auch von Ehrfurcht vor dem heilsamen Nutzen erfüllt sein mag, den die französische Sprache Russland bringt, wie sehr er auch erfüllt sein mag von Ehrfurcht vor der löblichen Sitte unserer höheren Kreise, die sich ihrer zu jeder Tageszeit bedienen, natürlich aus einem tiefen Gefühl der Vaterlandsliebe heraus, kann er sich dennoch nicht entschließen, einen Satz welcher Fremdsprache auch immer in dieses sein russisches Poem einfließen zu lassen. Nun also, fahren wir auf Russisch fort.“
Die Gogolsche Zeichensetzung
Typisch ist die ausgiebige Verwendung von Doppelpunkt, Semikolon und Ausrufezeichen, die dem Textgewebe eine bestimmte, oft erklärende, Intonation verleihen. „Schauen wir uns doch einmal an, wie er da zwischen seinen Untergebenen sitzt, - vor Angst verschlägt es einem geradezu die Sprache! ganz Stolz und Vornehmheit, und was erst seine Miene ausdrückt! man möchte zum Pinsel greifen und drauflosmalen: ein Prometheus, ganz entschieden ein Prometheus!“
Mit dem Kopf nicken, mit der Hand befühlen ...
"Wie es so schön heißt" - Lieblingswendungen Gogols
Väterchen und gute Frau
Die im Deutschen so niedlich und gemütlich daherkommenden Formulierungen geben den Zusammenhang meist nur unzureichend, mitunter auch falsch wieder. Mit den entsprechenden Endungen sind im Russischen – je nach Kontext – sehr unterschiedliche Konnotationen verbunden, die zärtlich-liebevolle Färbung ist nur eine davon (sie kommt allerdings heute im eher betulich-verstaubt klingenden „Mütterchen“ oder „Onkelchen“ kaum zum Ausdruck).
So wird die Anrede „матушка“ (mátuschka) – wie im Falle der Unterhaltung zwischen Tschitschikow und Frau Korobotschka – mitunter auch herabsetzend gebraucht, weshalb sie hier z.B. mit „gute Frau“ wiedergegeben wurde. Auch der früher allzu oft mit „Väterchen“ übersetzte Begriff „батюшка“ (bátjuschka) muß je nach Kontext unterschiedlich übertragen werden.
Wenn beispielsweise Tschitschikow die Frage stellt: „wie steht es um das Gut Ihres Herrn Vater (bátjuschka)?“ „Verpfändet“, sagte darauf der Herr Vater selber, der wieder in den Salon hereingekommen war“ – wurde im Deutschen selbstverständlich vom „Väterchen“ Abstand genommen und versucht, durch die Lösung „Herr Vater“ die mitschwingende Nuance wiederzugeben.
Das kleine Wörtchen "nu"
Hier folgen, wahllos herausgegriffen, einige dieser Bedeutungen:
Gogols Meisterschaft
So heißt es dort u.a.: „Gogols Fundus an Substantiven ist unerschöpflich; es ist keine ‚Volkssprache’, es sind ‚Volkssprachen’: Ukrainisch, gemischt mit lokalen großrussischen Mundarten; […] mit Archaismen, Neologismen, mit einer Reihe von Wortimprovisationen bis hin zu … ausgeklügelten Narreteien; untergemischt sind: die geschraubte Kanzleisprache […], technische Sprachen (Sprache der Küche, der Gutsbesitzer, der Diener, der Jäger, der Kartenspieler), die Sprache der Bürger und Handwerker; aus dem bunten Gemisch braut sich Gogol seine Sprache, deren Russizismen, Ukrainismen und Polonismen […] durch keinerlei Grammatik gerechtfertigt sind“ (wobei anzumerken ist, dass in weiten Teilen der „Toten Seelen“ glücklicherweise dennoch die Normsprache überwiegt …).
Die Schönheit des Regelverstoßes
Er sagte auch selbst immer wieder, er habe in den Jahren in Italien die russische Sprache vergessen, die ja nicht seine Muttersprache war (den Hintergrund der komplizierten sprachlichen und politischen Verhältnisse „Kleinrußlands“ - der Ukraine - zu beleuchten, würde allerdings eine gesonderte Betrachtung erforderlich machen). Das zeigt sich u.a. beim mitunter fehlerhaften Gebrauch der Aspekte der russischen Verben, der Präpositionen, der Konjunktionen, die Substantive werden gelegentlich falsch dekliniert – all das verleiht der Lektüre des Originals einen zusätzlichen Reiz.
Mitunter wurden Gogol Korrekturvorschläge unterbreitet, doch die Schönheit, Lebendigkeit oder der Klang mancher Ausdrücke waren ihm wichtiger als die Regeln der Grammatik – so blieb alles beim Alten. Wollte man in einer Übersetzung allerdings den Versuch der Nachahmung wagen – es käme in einer anderen Sprache wohl nur grober Unsinn heraus.
Auch das Feuerwerk der kuriosen Vornamen und der „sprechenden Namen“, die Gogol säckeweise im Roman ausstreut und die jedem russischen Leser ein zusätzliches Vergnügen bereiten, muß in einem anderen Sprach- und Kulturkreis zwangsläufig verpuffen – Korobotschka, Manilow, Nosdrjow, Pljuschkin, Pjotr Petrowitsch Petuch, Sofron Iwanowitsch, Maklatura Alexandrowna, Adelheida Gawrilowna, Pjotr Warsonofjewitsch, Alkid, Themistoklus, Wachramej, Sysoj Pafnutjewitsch, Macdonald Karlowitsch, Kifa Mokijewitsch, Moki Kifowitsch und all die anderen…
Das sind die Grenzen der Übersetzbarkeit. Im Falle der „sprechenden Namen“ wurde zumindest versucht, den Hintergrund in einer Anmerkung deutlich zu machen.
Nah am Original
Nabokov ist gewiß übers Ziel hinausgeschossen, denn jede Übersetzung eines literarischen Werkes kann ja nur eine Annäherung sein. Aber sagte nicht auch der Slawist Dmitrij Tschizevskij: „Trotz der verdienstvollen Arbeit, die von deutschen Gogol-Übersetzern geleistet worden ist, ist eine befriedigende Übersetzung noch nicht vorhanden“ – wobei er alle vierzehn bis 1966 vorliegenden Übersetzungen der „Toten Seelen“ ins Deutsche im Blick hatte...
Die vorliegende Neuübersetzung hat es sich neben allem bereits oben Ausgeführten zur Aufgabe gemacht, unter Umschiffung der zahlreichen Klippen so dicht wie möglich am Original zu bleiben, auch manche der gogolschen ungewöhnlichen, mitunter tautologischen, sperrigen oder unlogisch erscheinenden Formulierungen beizubehalten und nach Möglichkeit den besonderen Tonfall des Originals zu treffen.
Dank
[Anmerkung der Online-Redaktion: Die Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt und stammen nicht von der Übersetzerin.]
