Vera Bischitzky zur Neuübersetzung der „Toten Seelen“

                                             .… release me from my bands
                                             With the help of your good hands:
                                             Gentle breath of yours my sails
                                             Must fill, or else my project fails,
                                             Which was to please. Now I want
                                             Spirits to enforce, Art to enchant;
                                             And my ending is despair,
                                             Unless I be reliev'd by prayer
                                             Which pierces so, that it assaults
                                             Mercy itself, and frees all faults.
                                             As you from crimes would pardon'd be,
                                             Let your indulgence set me free.
                                             (W. Shakespeare, The Tempest)  

Alle Welt ist unterwegs

Alle Welt ist in diesem Roman geschäftig und meist auch in Geschäften unterwegs: Tschitschikow mit seiner legendären gefederten Kalesche, gezogen von der Troika, deren Pferde uns schon dem Namen nach bekannt sind, vom Assessor bis zum listigen Schecken; die schwarzfüßige Pelageja auf Selifans Kutschbock; Nosdrjow mit dem Klapperkasten, der von mageren, langmähnigen Mietpferden vorwärtsgeschleppt wird, die Gouverneurstochter mit dem prachtvollen Sechsergespann; der Bauer mit seinem hochbeladenen Leiterwagen, wie er da in Pljuschkins Hof einfährt; Frau Korobotschka mit ihrem höchst sonderbaren Gefährt, das weder einem Reisewagen noch einer Kutsche oder einer Kalesche, sondern einer auf Räder gestellten bauchigen, dickwangigen Melone gleicht; der Feldjäger mit der Staatskarosse, dessen Troika im Donner und Staub der Landstraße verschwindet; Tschitschikows Vater mit dem kleinen Pawluscha in seinem kümmerlichen Bauernwagen, der Polizeimeister mit seiner Droschke, der Kaufmann, der versessen auf Traber ist, mit dem leichten Wagen,  …

Sämtlich sind sie in Bewegung, endlos zieht die Karawane an uns vorüber, all die Equipagen, Kutschen, Reisewagen, Droschken, Fuhren, Bauernwagen, Kremser, Klapperkisten, Quietschkommoden… Und für jedes Gefährt muß das richtige deutsche Wort gefunden werden - was noch eine der verhältnismäßig leicht zu lösenden Herausforderungen an die Übersetzerin darstellt.

Rätsel um fremde, verlockende Speisen

Wie aber die vielen verlockenden Speisen wiedergeben, die den Protagonisten so verschwenderisch aufgetischt werden? Es ist ja ein doppelter Transfer vonnöten: aus einem Kulturkreis in einen anderen - schon schwer genug - und noch dazu aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ins einundzwanzigste… Viele der Gerichte und der anderen Realien sind auch dem heutigen russischen oder ukrainischen Leser nicht mehr vertraut, manche finden sich nicht einmal in historischen Kochbüchern…
 
Die „Melone“ der Frau Korobotschka ist„vollgestopft mit Säcken voller Brot, mit Kalatschi, Kokurki, Skorodumki und süßen Kringeln. Eine mit Hühnerfleisch gefüllte Pirogge und eine Pirogge-Rassolnik lugen sogar oben heraus.“ Ja, an der Verpflegung hat Gogol nicht gespart, denken wir nur an Sobakewitschs riesiges Stück Njanja, dieses berühmte Gericht, das zur Kohlsuppe serviert wird und das aus einem mit Buchweizengrütze, Hirn und Hammelfüßen gefüllten Hammelmagen besteht.“

Einige Slawisten vertreten die Ansicht, Gogol habe diese Speisenamen vor allem zum Zwecke der Ausschmückung seiner Sprache mit originell klingenden Wörtern verwendet. Sie sollten rätselhaft und geheimnisvoll klingen. Doch Gogol aß ja auch selber gern. Nur: wie, um Himmelswillen, findet man den treffenden Ausdruck im Deutschen, wo doch heute kaum noch ein Russe weiß, was das alles ist?


Gogol | Schreibtisch

Fleisch oder Suppe?

Nehmen wir allein die Pirogge-Rassolnik (пирог-рассольник) der Frau Korobotschka…
Pассол (rassól) – das ist die Salzlake, in der Gurken säuern, unter рассольник (rassólnik) versteht man heute eine Fleisch- oder Fischsuppe, der eben jene Gurkenlake hinzugefügt wird. Welchen Zusammenhang aber kann es geben zwischen einer Pirogge (also einer Pastete aus Blätter- oder Hefeteig) und einer auf der Basis von Gurkenlake gekochten Suppe? Tja, eventuell könnte es eine Pirogge sein, die man zu dieser Suppe serviert …

Doch in einem seiner Notizbücher gibt uns Gogol glücklicherweise Auskunft über die Pirogge-Rassolnik: „Pirogge mit Huhn und Buchweizengrütze, in die Füllung kommen Gurkenlake und gehackte Eier hinein“. Ein Problem wäre also, wenn auch unter ungeheurem Kraft- und Zeitaufwand, gelöst – ins Deutsche transformieren aber kann man das Doppel-Wort nicht. Diese und ähnliche Begriffe, für die es im Deutschen kein Äquivalent gibt, wurden deshalb im russischen Originalwortlaut beibehalten und mit einer erläuternden Anmerkung versehen…

Phantasien über Pirogge-Rassolnik

Interessehalber habe ich im Falle der Pirogge-Rassolnik bei einigen meiner zahlreichen Vorgänger nachgeschaut (mittlerweile gibt es sechzehn Übersetzungen der „Toten Seelen“ ins Deutsche, wobei der Roman allein zwischen 1921 und 1925 fünfmal ins Deutsche übertragen wurde). Einer schreibt: „eine gesalzene“ Pirogge, bei einem anderen ist es eine Pirogge „mit einer Füllung aus eingelegten Gurken“, schließlich habe ich noch die Kreation einer Pastete mit „Salzfleischfüllung“ gefunden oder auch gar nichts – manch Übersetzer ließ dieses kulinarische Erzeugnis aus der Küche der Frau Korobotschka einfach weg.
Meine Übersetzerkollegen haben demnach ebenfalls gehörig gerätselt und dann ihrer Phantasie freien Lauf gelassen, was ja nicht unbedingt falsch ist, denn vermutlich wusste auch schon zu Gogols Zeiten kaum jemand etwas mit dieser Pirogge-Rassolnik anzufangen…              

Bild
Beinkleider oder Hosen?

Die Erläuterungen zum Text möchten dem Leser Informationen an die Hand geben, die zum besseren Verständnis solcher und ähnlicher Realien beitragen oder auch heute nicht mehr geläufige Zusammenhänge beleuchten. Manches habe ich knapp erläutert, auf anderes bin ich ausführlicher eingegangen, insbesondere, wenn sich Parallelen zum Leben des Autors auftaten – die entsprechenden Stellen sind durch Briefzitate oder Erinnerungen von Zeitgenossen belegt.

In der vorliegenden Neuübersetzung wurde versucht, den Sprachstand der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nach Möglichkeit nicht zu verlassen. Natürlich bedient sich ein Übersetzer des Jahres 2009 einer modernen Sprache, dennoch habe ich Wert darauf gelegt, jede willkürliche Modernisierung zu vermeiden. Um den Zeitbezug zu verdeutlichen, wurden hin und wieder veraltete Begriffe als Markierungen eingestreut, und zwar immer dann, wenn im Russischen ein heute nicht mehr übliches Wort verwendet wurde. Als Beispiel seien hier die „Beinkleider“ genannt, ein Begriff, der immer dann gewählt wurde, wenn es im Originaltext statt des von Gogol ebenfalls verwendeten Wortes „Hosen“ - брюки (brjúki) панталоны (pantalóny) heißt.

Hat sich ein Alltagsdetail (z.B. in der Mode) mittlerweile gewandelt, wie z.B. das aus dem Deutschen stammende Lehnwort галстук (gálstuk) – Halsbinde, Halstuch, Krawatte -, wurde in der Übersetzung das Wort „Halstuch“ verwendet, um beim Leser nicht die Vorstellung einer heutigen Krawatte zu erzeugen, sondern das Bild eines um den Hals geschlungenen Tuches entstehen zu lassen, wie es Männer im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts trugen.

Übersetzung von Fremdwörtern
 
Eine weitere Besonderheit der Übersetzung betrifft den Gebrauch der Fremdwörter. Soweit nicht ausdrücklich im Text von Gogol eingesetzt (meist um der Situation ein entsprechendes Kolorit zu verleihen), wurde auf ihren Gebrauch verzichtet.

Im Text finden sich immer wieder ironische Kommentare des Autors, die auf ihre übermäßige Verwendung anspielen, insbesondere durch „die Leser der höheren Kreise: vor allem von ihnen bekommt man kein anständiges russisches Wort zu hören, mit französischen, deutschen und englischen Worten bedenken sie einen dagegen in einem solchen Maße, dass es einem einfach zuviel wird…“

Wie sehr der Autor aber auch von Ehrfurcht vor dem heilsamen Nutzen erfüllt sein mag, den die französische Sprache Russland bringt, wie sehr er auch erfüllt sein mag von Ehrfurcht vor der löblichen Sitte unserer höheren Kreise, die sich ihrer zu jeder Tageszeit bedienen, natürlich aus einem tiefen Gefühl der Vaterlandsliebe heraus, kann er sich dennoch nicht entschließen, einen Satz welcher Fremdsprache auch immer in dieses sein russisches Poem einfließen zu lassen. Nun also, fahren wir auf Russisch fort.“

Die Gogolsche Zeichensetzung
 
Ganz besonders wurde darauf geachtet, die Gogolsche Zeichensetzung und die mitunter ausufernden Satzkonstruktionen beizubehalten. Sie sind für Gogol charakteristisch und finden sich auch in Werken der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts.

Typisch ist die ausgiebige Verwendung von Doppelpunkt, Semikolon und Ausrufezeichen, die dem Textgewebe eine bestimmte, oft erklärende, Intonation verleihen. Schauen wir uns doch einmal an, wie er da zwischen seinen Untergebenen sitzt, - vor Angst verschlägt es einem geradezu die Sprache! ganz Stolz und Vornehmheit, und was erst seine Miene ausdrückt! man möchte zum Pinsel greifen und drauflosmalen: ein Prometheus, ganz entschieden ein Prometheus!“

Mit dem Kopf nicken, mit der Hand befühlen ...

Auch Formulierungen wie etwas mit der Hand festhalten, mit dem Kopf nicken, mit der Hand befühlen, das Haar auf dem Kopf usw. sind typisch für Gogol und wurden nicht „gefälliger“ formuliert, ebenso wenig wie die häufigen Wortwiederholungen. Besonders viele, möglicherweise auch unbeabsichtigte, Wiederholungen finden sich in den Fragmenten des Zweiten Bandes, die darauf zurückzuführen sind, dass es sich hier um Entwürfe und nicht um den ausgefeilten Text handelt (siehe Anm. zu S. 391 und Nachwort).

"Wie es so schön heißt" - Lieblingswendungen Gogols

Auffallend sind Lieblingswendungen des Autors, z.B. между тем (méshdu tem) - indessen; как говорится (kak goworítsja) - wie es so schön heißt; übrigens впрочем (wprótschem) - übrigens; слoвом (slówom) - kurz und gut, итак (itak) - nun also, весьма (wesmá) - überaus, чрезвычайно (tschreswytschájno) - außerordentlich usw. usf. Sie wurden selbstverständlich beibehalten, auch wenn sie ebenfalls kurz hintereinander wiederholt werden.
 
Jene Leser, die aus früheren Übersetzungen der russischen Klassiker an die durch viele Texte geisternden Mütterchen, Väterchen, Onkelchen, Täubchen, Seelchen usw. gewöhnt sind, werden sich fragen, wo dieses beliebte „typisch russische Markenzeichen“ geblieben ist. Sie werden sie in der vorliegenden Übersetzung kaum wiederfinden.

Väterchen und gute Frau

Die im Deutschen so niedlich und gemütlich daherkommenden Formulierungen geben den Zusammenhang meist nur unzureichend, mitunter auch falsch wieder. Mit den entsprechenden Endungen sind im Russischen – je nach Kontext – sehr unterschiedliche Konnotationen verbunden, die zärtlich-liebevolle Färbung ist nur eine davon (sie kommt allerdings heute im eher betulich-verstaubt klingenden „Mütterchen“ oder „Onkelchen“ kaum zum Ausdruck).

So wird die Anrede „матушка“ (mátuschka) – wie im Falle der Unterhaltung zwischen Tschitschikow und Frau Korobotschka – mitunter auch herabsetzend gebraucht, weshalb sie hier z.B. mit „gute Frau“ wiedergegeben wurde. Auch der früher allzu oft mit „Väterchen“ übersetzte Begriff „батюшка“ (bátjuschka) muß je nach Kontext unterschiedlich übertragen werden.

Wenn beispielsweise Tschitschikow die Frage stellt: „wie steht es um das Gut Ihres Herrn Vater (bátjuschka)?“ „Verpfändet“, sagte darauf der Herr Vater selber, der wieder in den Salon hereingekommen war“ – wurde im Deutschen selbstverständlich vom „Väterchen“ Abstand genommen und versucht, durch die Lösung „Herr Vater“ die mitschwingende Nuance wiederzugeben.
 
Das kleine Wörtchen "nu"
 
Ebenfalls schwierig, zugleich aber auch eine schöne Herausforderung, ist die Übersetzung der Interjektionen, mit denen das Russische so verschwenderisch ausgestattet ist. Nehmen wir allein das Wörtchen ну (nu). Der Satiriker Efraim Kishon hat dazu einmal geschrieben: einer „oberflächlichen Statistik zufolge“ hat „nu“ „680 verschiedene Bedeutungen, je nach dem Stand des Gesprächs, dem Gesichtsausdruck des Sprechenden und der Tageszeit.

Hier folgen, wahllos herausgegriffen, einige dieser Bedeutungen:
- Komm schon!
- Was ist los?
- Laß mich in Ruhe.
- Ich habe kein Wort verstanden.
- Was willst du eigentlich?
- Schön, nehmen wir an, es ist so, wie du sagst. Ich gebe das keineswegs zu, ich sage nur: Nehmen wir an. Aber deshalb brauchst du nicht gleich zu schreien, du Idiot“ (zitiert nach: Efraim Kischon, Jüdisches Poker).

Gogols Meisterschaft
 
Der gebürtige Ukrainer Gogol ging virtuos, kühn, voller Phantasie und Experimentierfreude mit der russischen Sprache um, Andrej Bely nannte ihn gar einen „Futuristen vor den Futuristen“. Allein dem Gebrauch der Substantive oder der Verben in Gogols Werk widmete Bely je ganze Kapitel in seinem Buch „Masterstwo Gogolja“ (Gogols Meisterschaft).

So heißt es dort u.a.: „Gogols Fundus an Substantiven ist unerschöpflich; es ist keine ‚Volkssprache’, es sind ‚Volkssprachen’: Ukrainisch, gemischt mit lokalen großrussischen Mundarten; […] mit Archaismen, Neologismen, mit einer Reihe von Wortimprovisationen bis hin zu … ausgeklügelten Narreteien; untergemischt sind: die geschraubte Kanzleisprache […], technische Sprachen (Sprache der Küche, der Gutsbesitzer, der Diener, der Jäger, der Kartenspieler), die Sprache der Bürger und Handwerker; aus dem bunten Gemisch braut sich Gogol seine Sprache, deren Russizismen, Ukrainismen und Polonismen […] durch keinerlei Grammatik gerechtfertigt sind“ (wobei anzumerken ist, dass in weiten Teilen der „Toten Seelen“ glücklicherweise dennoch die Normsprache überwiegt …).
 
Er verwendete auch immer wieder volkstümliche, lautmalerische, selten gebrauchte Ausdrücke, verlieh seinem Text einen bestimmten Rhythmus, kühn konstruierte er unter Hinzufügung von Präfixen oder Suffixen originelle Verben, er experimentierte mit Adjektiven - all das sprengt den Rahmen einer Übersetzung um ein Vielfaches. Wenn er mitunter mehr als frei mit den sprachlichen Normen der russischen Sprache umging, war ihm das aber gar nicht in jedem Falle bewußt.

Die Schönheit des Regelverstoßes

Er sagte auch selbst immer wieder, er habe in den Jahren in Italien die russische Sprache vergessen, die ja nicht seine Muttersprache war (den Hintergrund der komplizierten sprachlichen und politischen Verhältnisse „Kleinrußlands“ - der Ukraine - zu beleuchten, würde allerdings eine gesonderte Betrachtung erforderlich machen). Das zeigt sich u.a. beim mitunter fehlerhaften Gebrauch der Aspekte der russischen Verben, der Präpositionen, der Konjunktionen, die Substantive werden gelegentlich falsch dekliniert – all das verleiht der Lektüre des Originals einen zusätzlichen Reiz.

Mitunter wurden Gogol Korrekturvorschläge unterbreitet, doch die Schönheit, Lebendigkeit oder der Klang mancher Ausdrücke waren ihm wichtiger als die Regeln der Grammatik – so blieb alles beim Alten. Wollte man in einer Übersetzung allerdings den Versuch der Nachahmung wagen – es käme in einer anderen Sprache wohl nur grober Unsinn heraus.
 
Sprechende Namen

Auch das Feuerwerk der kuriosen Vornamen und der „sprechenden Namen“, die Gogol säckeweise im Roman ausstreut und die jedem russischen Leser ein zusätzliches Vergnügen bereiten, muß in einem anderen Sprach- und Kulturkreis zwangsläufig verpuffen – Korobotschka, Manilow, Nosdrjow, Pljuschkin, Pjotr Petrowitsch Petuch, Sofron Iwanowitsch, Maklatura Alexandrowna, Adelheida Gawrilowna, Pjotr Warsonofjewitsch, Alkid, Themistoklus, Wachramej, Sysoj Pafnutjewitsch, Macdonald Karlowitsch, Kifa Mokijewitsch, Moki Kifowitsch und all die anderen…
Das sind die Grenzen der Übersetzbarkeit. Im Falle der „sprechenden Namen“ wurde zumindest versucht, den Hintergrund in einer Anmerkung deutlich zu machen.

Nah am Original
 
Angesichts all dieser Problemfelder erhebt sich nun die berechtigte Frage: droht meiner Übersetzung wohl auch das Schicksal, in die Reihe jener Übertragungen eingereiht zu werden, von denen Vladimir Nabokov einst süffisant feststellte, sie seien keinen roten Heller wert und müssten aus allen öffentlichen und Universitätsbibliotheken entfernt werden (er meinte damit die ihm bekannten Übersetzungen der „Toten Seelen“ ins Englische).
Nabokov ist gewiß übers Ziel hinausgeschossen, denn jede Übersetzung eines literarischen Werkes kann ja nur eine Annäherung sein. Aber sagte nicht auch der Slawist Dmitrij Tschizevskij: „Trotz der verdienstvollen Arbeit, die von deutschen Gogol-Übersetzern geleistet worden ist, ist eine befriedigende Übersetzung noch nicht vorhanden“ – wobei er alle vierzehn bis 1966 vorliegenden Übersetzungen der „Toten Seelen“ ins Deutsche im Blick hatte...
 
Frühere Übersetzer der „Toten Seelen“ ins Deutsche haben den Text mitunter entweder verhältnismäßig frei nacherzählt, wobei manchmal auch erklärende Hintergrundinformationen in den Gogol-Text eingebaut bzw. schwer verständliche oder „politisch nicht korrekte“ Passagen einfach gestrichen wurden, vieles wurde gefälliger formuliert, je nach Gusto des Übersetzers, blumig oder auch eher hölzern-trocken wiedergegeben, bisweilen unter Opferung der Ironie, oft unter Missachtung der Gogolschen Interpunktion...

Die vorliegende Neuübersetzung hat es sich neben allem bereits oben Ausgeführten zur Aufgabe gemacht, unter Umschiffung der zahlreichen Klippen so dicht wie möglich am Original zu bleiben, auch manche der gogolschen ungewöhnlichen, mitunter tautologischen, sperrigen oder unlogisch erscheinenden Formulierungen beizubehalten und nach Möglichkeit den besonderen Tonfall des Originals zu treffen.
 
Der Übersetzung liegt die russische historisch-kritische Ausgabe der gesammelten Werke zugrunde (N. V. Gogol, Polnoe sobranie sočinenij, t. 6; 7. Leningrad, 1951).
Um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten, wurde die Duden-Transkription gewählt (auch im Falle der Wiedergabe einiger Zitate im Anhang). Bei der Wiedergabe des Buchstaben ж habe ich zur Hilfskonstruktion „sh“ gegriffen, auszusprechen wie „J“ in Jalousie – z.B. Mishujew oder Kostanshoglo. Die Rechtschreibung orientiert sich an einer „gemäßigten“ Variante der Rechtschreibreform.

Dank
 
Mein Dank gilt allen, die mich während meiner weiten, beschwerlichen gedanklichen Reise an der Seite von Pawel Iwanowitsch Tschitschikow durch ihren Rat und ihre Ermutigung unterstützt haben – allen Freunden und Kollegen, von Berlin über Bischkek, Chicago, Helsinki, Jena, Ludwigsburg, Moskau, Sankt Petersburg und Wien, ganz besonders aber meiner Familie. Ohne Javad, Katharina, David und Jamal hätte ich die lange Wegstrecke wohl kaum unbeschadet überstanden.
 
Vera Bischitzky
Berlin, im Januar 2009    

[Anmerkung der Online-Redaktion: Die Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt und stammen nicht von der Übersetzerin.]
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